Reichelsheimer Geschichte
Das Reichelsheimer Wäldchen – ein Streit, der eine ganze Stadt bewegte
Wie aus einem einstimmig beschlossenen Kita-Standort ein jahrelanger politischer Konflikt wurde – und warum am Ende die Bäume stehen blieben...
Es ist nur rund 4.000 Quadratmeter groß. Zwischen Grundschule und Bürgerhaus gelegen, wirkt das Reichelsheimer 'Wäldchen' auf den ersten Blick eher wie ein größerer innerstädtischer Baumbestand als wie ein Wald. Doch genau diese Fläche hat die Kommunalpolitik in Reichelsheim über Jahre beschäftigt wie kaum ein anderes Thema.
Wo heute weiterhin Bäume stehen, sollte ursprünglich eine neue, sechsgruppige Kindertagesstätte entstehen. Was 2017 mit einem einstimmigen Beschluss der Stadtverordnetenversammlung begann, entwickelte sich ab 2020 zu einem erbitterten Streit zwischen Befürwortern und Gegnern des Standorts. Bürgerinitiative, BUND und später auch Teile der Opposition kämpften für den Erhalt der Fläche. Die Stadt und insbesondere die SPD-Mehrheit hielten lange am Kita-Standort fest.
Am Ende kam es anders: Die Stadt gab den Standort auf, HessenForst hatte das Gelände als Wald im Sinne des Forstrechts eingestuft, und im Juli 2023 wurde der alte Standortbeschluss aufgehoben. Die neue Kita soll stattdessen nördlich der Schulsporthalle entstehen. Auch heute, im August 2026, ist das Wäldchen damit nicht nur erhalten, sondern weiterhin Bestandteil der städtischen Betrachtung als Wald. [1] [2]
Der Anfang: Einstimmige Entscheidung im Jahr 2017
Die Geschichte des Streits beginnt nicht mit der Bürgerinitiative, sondern bereits im Jahr 2017.
Reichelsheim benötigte zusätzliche Betreuungsplätze. Die Stadtverordnetenversammlung
beschloss deshalb am 15. August 2017 einstimmig, eine neue sechsgruppige
Kindertagesstätte am Standort 'A, Willy-Nohl-Straße – zwischen Bürgerhaus und
Grundschule' zu errichten. Genau dort befindet sich das 'Wäldchen'.
Die Entscheidung war zu diesem Zeitpunkt politisch breit getragen. Auch die Freien Wähler stimmten dem Standort zu. Allerdings gab es bereits damals kritische Stimmen. Der damalige FW-Fraktionsvorsitzende Hans-Günter Scholz bezeichnete den Platz schon 2017 als eine sehr schlechte Lösung für den Kita-Neubau. [3]
Damit war die grundsätzliche Standortentscheidung zunächst gefallen.Die Stadt begründete den Neubau mit dem wachsenden Bedarf an Betreuungsplätzen. Reichelsheim war und ist insbesondere für Familien ein attraktiver Wohnort. Die vorhandenen Kindertagesstätten waren bereits damals stark ausgelastet.
2020 wird sichtbar, was die Entscheidung bedeutet
Die Auseinandersetzung nahm Fahrt auf, als der konkrete Entwurf für die neue Kita
vorlag.
Für den Neubau war ein europaweiter Realisierungswettbewerb durchgeführt worden.
Den Wettbewerb gewann das Kölner Büro 'twoo architekten'. Vorgesehen war eine
sechsgruppige Einrichtung mit mehr als 100 Betreuungsplätzen.
[4]
Mit dem Siegerentwurf wurde für viele Bürger erstmals deutlich, welche Konsequenz
die Standortentscheidung von 2017 hatte: Das Wäldchen würde nicht teilweise,
sondern im Wesentlichen vollständig verschwinden. Nur einzelne Bäume würden erhalten
oder nachgepflanzt werden.
Das war der Auslöser für eine öffentliche Debatte.
Im Sommer 2020 formierte sich die Bürgerinitiative
'Rettet das Reichelsheimer Wäldchen' um den Reichelsheimer Rudolf Zentgraf. Das Areal wurde von den
Unterstützern als ökologisch wertvoller innerstädtischer Baumbestand beschrieben.
Nach Angaben der Initiative war die Fläche um 1970 als Ausgleichsfläche beim Bau der Mehrzweckhalle entstanden.
Besonders hervorgehoben wurden durch die BI alte Eschen, eine große Silber-Pappel sowie die Bedeutung der
Bäume für Schatten, Klima und Naturerfahrung. Es folgte eine rege Diskussion dazu in einer eigens
von der BI eingerichteten Facebook-Gruppe.
[5]
Die Frage lautete bald nicht mehr nur: 'Wo bauen wir eine Kita?', sondern grundsätzlicher: 'Muss eine dringend benötigte Kita ausgerechnet dort gebaut werden?'
Die Bürgerinitiative fordert Alternativen
Die BI stellte von Anfang an klar, dass sie den Kita-Bedarf nicht grundsätzlich in Frage stellte. Sie forderte vielmehr eine erneute, ergebnisoffene Standortprüfung.
Im Mittelpunkt stand eine im September 2020 gestartete Online-Petition. Die
Forderungen waren konkret: Die Stadt sollte Alternativstandorte untersuchen,
Kosten und Zeitpläne vergleichen, ausdrücklich auch eine Kombination von
Bürgerhaus und Kita prüfen und die Ergebnisse öffentlich diskutieren. Bis dahin
sollten keine weiteren Maßnahmen für eine Bebauung des Wäldchens erfolgen.
Die Petition erhielt 403 Unterschriften. Sie wurde anschließend allerdings nicht formal eingereicht; openPetition führt sie heute als beendet. [6]
Bemerkenswert ist, dass die Petition innerhalb der Stadtverordnetenversammlung durchaus Resonanz fand. Hans-Günter Scholz von den Freien Wählern erklärte, er halte das Wäldchen bereits seit 2017 für den schlechtesten Kita-Standort und unterstütze eine erneute öffentliche Beratung. Auch CDU-Fraktionsvorsitzender Holger Hachenburger sprach sich für eine öffentliche Anhörung im Fachausschuss aus. [7]
Auch die damalige Bürgermeisterkandidatin Lena Herget-Umsonst, die später Bürgermeisterin werden sollte, unterstützte eine Sondersitzung des zuständigen Ausschusses.
Ihre damalige Position ist rückblickend besonders interessant: Sie verteidigte den 2017 einstimmig gefassten Beschluss nicht einfach, sondern wollte die Standortfrage erneut und 'ergebnisoffen' diskutieren. Gleichzeitig warnte sie davor, dass die dringend benötigten Kita-Plätze nicht durch eine jahrelange Standortdiskussion gefährdet werden dürften. [7]
Ein ungewöhnlicher Einblick in die damalige politische Debatte
Die Stellungnahmen zur Petition zeigen, dass die politischen Fronten 2020 noch nicht so eindeutig waren, wie es die spätere Entwicklung vermuten lässt.
Die Freien Wähler standen dem Standort überwiegend ablehnend gegenüber. Hans-Günter Scholz verwies neben dem Baumbestand auch auf die zunehmende Versiegelung des gesamten Bereichs rund um Schule, Bürgerhaus, Sporthalle und Tennisplatz.
Holger Hachenburger von der CDU unterstützte eine öffentliche Anhörung.
Lena Herget-Umsonst, damals noch Stadtverordnete und nicht Bürgermeisterin, befürwortete ebenfalls eine öffentliche Beratung. Sie stellte zahlreiche konkrete Fragen: Welche Alternativstandorte gibt es? Welche zeitlichen Folgen hätte ein Wechsel? Kann der prämierte Entwurf übertragen werden? Welche naturschutzrechtlichen Untersuchungen liegen vor? Gibt es ein Bodengutachten? Und lässt sich der Kita-Neubau mit der Sanierung des Bürgerhauses verbinden?
Gerade diese Fragen zeigen, dass die Diskussion 2020 noch keineswegs abgeschlossen war. [7]
Die Stadt hält dagegen
Die Stadtverwaltung und die Befürworter des Standorts argumentierten vor allem mit der Dringlichkeit des Kita-Neubaus.
Alternativflächen wurden geprüft, erschienen aus Sicht der Stadt aber problematisch.
Der alte Sportplatz etwa war wegen möglicher Hochwasserprobleme, seiner bisherigen
Nutzung und der Auswirkungen auf den Sportverein umstritten. Auch der Festplatz
wurde als Alternative diskutiert.
Hinzu kam ein wichtiger finanzieller und zeitlicher Faktor: Der Architektenwettbewerb war bereits durchgeführt worden, die Planung weit fortgeschritten.
Ein Standortwechsel hätte deshalb nicht nur eine neue Grundstücks- und Erschließungsplanung bedeutet, sondern möglicherweise auch eine grundlegende Überarbeitung des Siegerentwurfs. [8]
2021: Der alte Sportplatz wird zur Alternative
Im Frühjahr 2021 schien sich die Situation zunächst zugunsten des Wäldchens zu entwickeln.
Auf Antrag der Freien Wähler beschloss die Stadtverordnetenversammlung einstimmig, den alten Sportplatz - trotz Hochwasserproblematik - als möglichen alternativen Kita-Standort untersuchen zu lassen. SPD und CDU ergänzten den Prüfauftrag um weitere Fragestellungen. [8]
Damit war erstmals seit 2017 eine konkrete Alternative politisch auf dem Tisch. Doch die Hoffnung der Wäldchen-Befürworter währte nicht lange.
Bereits im Juni 2021 beschloss die Stadtverordnetenversammlung, die Planungen für den Kita-Neubau am Wäldchen fortzusetzen. Die SPD setzte sich dabei mit ihrer Mehrheit durch; CDU und Freie Wähler unterstützten den Beschluss nicht.
Bürgermeisterin Lena Herget-Umsonst, inzwischen im Amt, argumentierte vor allem mit dem Hochwasserrisiko am alten Sportplatz sowie mit den erheblichen Zeitverlusten und Mehrkosten eines Standortwechsels.
Ein Antrag der CDU, zumindest eine Baumreihe am südlichen Rand des Wäldchens als Schattenspender zu erhalten, scheiterte an der SPD-Mehrheit. [9]
Damit schien die Sache entschieden: Das Wäldchen sollte gerodet werden.
Der BUND verschärft den Konflikt
Der BUND akzeptierte diese Entscheidung nicht. Im Juli 2021 beantragte der Umweltverband, das Wäldchen als 'Geschützten Landschaftsbestandteil' auszuweisen.
Der Verband verwies auf eine hohe ökologische Vielfalt mit mehr als 20 Baum- und Straucharten sowie auf verschiedene Vogelarten. Auch Zwergfledermäuse und Rauhautfledermäuse wurden genannt. Hinzu kam nach Einschätzung des BUND die klimatische Bedeutung des Baumbestandes: Wasserrückhalt, Verdunstung, Abkühlung und Luftqualität. [10]
Der Antrag auf einen besonderen Schutzstatus wurde von Verwaltung und Parlament abgelehnt. Doch gleichzeitig begann sich die entscheidende rechtliche Frage herauszukristallisieren:
Handelte es sich bei dem Wäldchen möglicherweise überhaupt um Wald im Sinne des Forstrechts?
Der Wendepunkt: Das Wäldchen ist ein Wald
Diese Frage sollte letztlich über das Schicksal der Kita-Planung entscheiden. Der BUND wandte sich an HessenForst. Im weiteren Verfahren wurde das Gelände als Wald im Sinne des Forstrechts eingestuft. Damit änderten sich die Rahmenbedingungen grundlegend.
Eine Rodung war nun nicht mehr lediglich eine kommunale Bauentscheidung. Für eine Bebauung mussten zusätzliche umwelt- und forstrechtliche Anforderungen erfüllt werden. Die Stadt verwies insbesondere auf:
- zusätzliche Umweltprüfungen,
- eine Eingriffs- und Ausgleichsbilanzierung,
- eine Rodungsgenehmigung,
- sowie einen mindestens 1:1 zu erbringenden Waldflächenersatz.
Nach Angaben der Stadt war zudem keine Rodungsgenehmigung in Aussicht gestellt worden. Die Suche nach geeigneten Ersatzaufforstungsflächen erwies sich als schwierig. [11]
Aus einem politischen Streit über einen Kita-Standort war damit ein kompliziertes Genehmigungsverfahren geworden.
Auch das Bodengutachten wird zum Streitpunkt
Parallel dazu kam ein weiteres Thema auf: der Baugrund.
In der späteren politischen Diskussion wurde ein bereits 2017 vorliegendes Bodengutachten thematisiert. Die Freien Wähler kritisierten 2023 ausdrücklich, dass dieses Gutachten zwar seit Jahren existiert habe, den Stadtverordneten aber erst wesentlich später zugänglich geworden sei. [12]
Die Bürgerinitiative leitete aus dem Gutachten die Befürchtung ab, dass bei einer Bebauung ein erheblicher Bodenaushub erforderlich werden könnte und dadurch zusätzliche Kosten entstehen würden.
Bürgermeisterin Herget bewertete die Situation dagegen anders. Sie erklärte 2023, das Gutachten dokumentiere keine unzureichend stabilen Bodenverhältnisse; eine normale Bodenplatte sollte aus ihrer Sicht ausreichen. [13]
Der Streit um das Gutachten wurde damit zu einem weiteren Beispiel dafür, wie unterschiedlich die Beteiligten dieselbe Planungsgrundlage bewerteten.
2022: Der Konflikt wird zunehmend juristisch
Im Jahr 2022 wurde die ökologische Situation des Wäldchens weiter untersucht. Nach Angaben des BUND wurden unter anderem Vögel erfasst und Fledermäuse untersucht. Die Naturschützer wollten damit die ökologische Bedeutung des Areals fachlich dokumentieren. [14]
Gleichzeitig blieb die Kita-Planung politisch bestehen. Doch die Waldeinstufung hatte inzwischen eine neue Qualität in den Streit gebracht.
Die Stadt musste erkennen, dass die ursprünglich vorgesehene Planung nicht einfach weiterverfolgt werden konnte. Die rechtlichen Verfahren drohten erheblich länger zu dauern.
2023 kippt die politische Lage
Anfang 2023 wurde die veränderte Situation auch politisch sichtbar. Die CDU erklärte öffentlich, dass der Standort Wäldchen für sie nicht mehr tragbar sei. Fraktionsvorsitzender Holger Hachenburger begründete den Kurswechsel mit der veränderten Sachlage und erklärte sinngemäß, eine politische Fraktion müsse die Größe besitzen, frühere Beschlüsse zu revidieren, wenn sich die Entscheidungsgrundlagen änderten. [15]
Auch die Freien Wähler drängten auf einen neuen Standort. Damit verlor die SPD zunehmend ihre politische Unterstützung für die ursprüngliche Lösung.
Bürgermeisterin Herget zieht die Konsequenz
Am 16. Juni 2023 kam schließlich der entscheidende Schritt. Bürgermeisterin Lena Herget schlug vor, den Standort Wäldchen aufzugeben und die Kita stattdessen nördlich der Schulsporthalle an der Willy-Nohl-Straße zu bauen.
Bemerkenswert war ihre Begründung: Herget erklärte ausdrücklich, dass sie den ursprünglichen Standort weiterhin für den fachlich, pädagogisch und baulich besten halte. Die Stadt hatte nach ihren Angaben insgesamt neun mögliche Standorte geprüft; das Wäldchen habe sich dabei als besonders geeignet erwiesen.
Doch die Waldeinstufung habe die Rahmenbedingungen verändert. Eine Rodungsgenehmigung, zusätzliche Umweltprüfungen, Ausgleichsmaßnahmen und möglicherweise gerichtliche Auseinandersetzungen hätten das Projekt nach Einschätzung der Bürgermeisterin um Jahre verzögern können.
Herget stellte deshalb den Grundsatz 'möglichst schnell neue Kita-Plätze schaffen' über das Festhalten an der ursprünglichen Standortentscheidung. [11]
Damit war der jahrzehntelange Streit um die Fläche faktisch entschieden.
Der endgültige Beschluss am 18. Juli 2023
Am 18. Juli 2023 machte die Stadtverordnetenversammlung den Standortwechsel
offiziell. Beschlossen wurde, die neue Kita an der Willy-Nohl-Straße
nördlich der Schulsporthalle zu errichten.
Gleichzeitig wurde der ursprüngliche Beschluss vom 15. August 2017 aufgehoben, mit dem das Wäldchen als Standort festgelegt worden war.
Der Beschluss fiel mit: 19 Ja-Stimmen, 5 Nein-Stimmen, keine Enthaltung. [16]
Die Freien Wähler hatten zuvor einen eigenen Antrag eingebracht. Darin forderten sie unter anderem ausdrücklich, wegen der 'Waldeinstufung' und der damit verbundenen naturschutzrechtlichen Probleme sämtliche Beschlüsse zum Kita-Neubau im Wäldchen aufzuheben.
Sie wollten außerdem weitere Alternativstandorte, darunter den alten Sportplatz,
umfassend vergleichen.
[16]
Damit endete nach sechs Jahren die politische Geschichte des Wäldchens als geplanter Kita-Standort.
Was blieb vom Streit?
Die Bürgerinitiative und der BUND werteten die Entscheidung als Erfolg.
Der BUND verwies insbesondere darauf, dass rund 4.000 Quadratmeter Wald erhalten geblieben seien. Die Bürgerinitiative blickte nach eigener Darstellung auf drei Jahre intensiven Engagements zurück – von Informationsveranstaltungen über Petitionen und Banner bis zu Gesprächen mit Politik und Verwaltung. [17]
Für die Stadt war die Bilanz naturgemäß ambivalenter. Einerseits musste sie den ursprünglich favorisierten Standort aufgeben und einen erheblichen Teil der bisherigen Planung anpassen. Andererseits konnte das jahrelange Genehmigungsrisiko beendet und ein neuer Standort verfolgt werden.
Bemerkenswert ist dabei, dass Bürgermeisterin Herget auch nach dem Standortwechsel ausdrücklich nicht davon sprach, dass das Wäldchen ursprünglich eine falsche Entscheidung gewesen sei. Ihre Argumentation lautete vielmehr: Der Standort sei fachlich weiterhin gut, aber unter den inzwischen geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen nicht mehr schnell genug realisierbar. [11]
Das Wäldchen blieb – und die Kita blieb ebenfalls ein Problem
Mit dem Standortwechsel war allerdings nicht automatisch eine neue Kita gebaut. Die Stadt musste die Planung am neuen Standort neu ausrichten. Das Grundstück nördlich der Schulsporthalle umfasst rund 6.000 Quadratmeter. Es liegt innerhalb eines bestehenden Bebauungsplans, allerdings mussten unter anderem Erschließung, Verkehr, Entwässerung und die eigentliche Kita-Planung angepasst werden.
Auch dieser Standort ist nicht völlig problemlos: Die Stadt weist unter anderem auf die Nähe zu einem Vogelschutzgebiet sowie auf Anforderungen an die hochwasserangepasste Bauweise hin. [11]
Der neue Standort brachte somit ebenfalls neue planerische Aufgaben mit sich.
2026: Die Kita wird kleiner
Der Konflikt um das Wäldchen ist heute zwar beendet, die Geschichte des Kita-Neubaus aber noch nicht.
Im Januar 2026 beschäftigte sich die Stadtverordnetenversammlung erneut mit der Kindertagesstätten-Bedarfsplanung. Dabei wurde beschlossen, die neue Einrichtung am Standort nördlich der Schulsporthalle weiterzuverfolgen – allerdings nicht mehr mit den ursprünglich geplanten sechs Gruppen.
Stattdessen soll die neue Kita nun vier Gruppen umfassen. Zusätzlich ist eine Wald- und Naturgruppe in Blofeld vorgesehen; außerdem sollen bestehende Einrichtungen erweitert beziehungsweise angepasst werden. [18]
Die Freien Wähler hatten zwischenzeitlich vorgeschlagen, die sogenannte 'Alte Schule' als möglichen Kita-Standort zu untersuchen. Dieser Vorschlag wurde jedoch nicht weiterverfolgt. Die Stadt verwies darauf, dass das Gebäude dem Wetteraukreis gehört und dieser es für Zwecke des Katastrophenschutzes benötigt. [19]
Die grundsätzliche Entscheidung für den Standort nördlich der Schulsporthalle blieb bestehen.
Und das Wäldchen?
Das Wäldchen ist geblieben. In der aktuellen städtischen Planung wird die Fläche weiterhin ausdrücklich als Wald im Sinne des Forstrechts behandelt. Die Stadt verweist auch 2026 auf die damalige Waldeinstufung durch HessenForst als den entscheidenden Grund dafür, dass der ursprüngliche Kita-Standort aufgegeben wurde. [18]
Damit hat sich innerhalb von knapp zehn Jahren etwas Bemerkenswertes vollzogen:
- 2017 beschloss die Stadt einstimmig, das Wäldchen für einen Kita-Neubau zu nutzen.
- 2020 wurde daraus ein Bürgerprotest.
- 2021 schien die Rodung politisch beschlossene Sache.
- 2022/23 veränderte die forstrechtliche Bewertung die Ausgangslage.
- 2023 wurde der ursprüngliche Beschluss aufgehoben.
- 2026 steht das Wäldchen noch immer.
Ein Stück Reichelsheimer Kommunalgeschichte
Der Streit um das Wäldchen war mehr als eine Auseinandersetzung über einige tausend Quadratmeter Bäume. Er zeigte exemplarisch, wie schwierig kommunale Entscheidungen werden können, wenn mehrere berechtigte Interessen aufeinandertreffen:
- Der Bedarf an zusätzlichen Kita-Plätzen war real.
- Die Stadt wollte möglichst schnell und wirtschaftlich bauen.
- Bürgerinnen und Bürger wollten einen vertrauten innerstädtischen Naturraum erhalten.
- Der BUND sah ökologische und klimatische Funktionen gefährdet.
- Politische Fraktionen mussten frühere Entscheidungen überprüfen und teilweise korrigieren.
Und schließlich setzte das Forstrecht der kommunalen Planung Grenzen.
Besonders bemerkenswert ist deshalb, dass sich der Ausgang nicht einfach einer einzelnen politischen Kraft zuschreiben lässt. Der Standort war 2017 einstimmig beschlossen worden. Auch spätere politische Positionen waren keineswegs statisch. Die Bürgermeisterin Lena Herget gehörte 2020 noch zu denjenigen, die eine erneute ergebnisoffene Diskussion forderten; später verteidigte sie den Standort und schließlich war sie es, die 2023 dessen Aufgabe vorschlug.
Am Ende war es nicht allein der politische Protest, der die Entscheidung herbeiführte. Entscheidend war das Zusammenspiel aus Bürgerengagement, naturschutzfachlichen Argumenten, der Waldeinstufung durch HessenForst, den damit verbundenen Genehmigungshürden und einer veränderten politischen Bewertung.
Das Reichelsheimer Wäldchen hat diesen Streit überstanden.
Quellen und Fußnoten
-
Stadt Reichelsheim, Sitzungsvorlage zur Anpassung der weiteren Planungen zur
Kindertagesbetreuung, Stadtverordnetenversammlung 20.01.2026.
Stadt Reichelsheim – Sitzungsvorlage Kita-Planungen 2026 -
Stadt Reichelsheim, Niederschrift der Stadtverordnetenversammlung vom
18.07.2023.
Niederschrift der Stadtverordnetenversammlung vom 18.07.2023 -
openPetition, Stellungnahme des FW-Stadtverordneten Hans-Günter Scholz zur
Petition 'Rettet das Reichelsheimer Wäldchen', 04.10.2020.
openPetition – Stellungnahmen -
Wetterauer Zeitung, 'So könnte die neue Kita in Reichelsheim aussehen',
19.06.2020.
Wetterauer Zeitung – Siegerentwurf 2020 -
Wetterauer Zeitung, 'Nach Entwurfvorstellung: Diskussion um Reichelsheimer
»Wäldchen«', 11.08.2020.
Wetterauer Zeitung – Diskussion um das Wäldchen 2020 -
openPetition, 'Rettet das Reichelsheimer Wäldchen'.
openPetition – Rettet das Reichelsheimer Wäldchen -
openPetition, persönliche Stellungnahmen von Stadtverordneten zur Petition.
openPetition – Stellungnahmen der Reichelsheimer Stadtverordneten -
Wetterauer Zeitung, 'Neue Chance fürs Wäldchen als Kita-Standort', 04.03.2021.
Wetterauer Zeitung – Alternativstandort Sportplatz -
Wetterauer Zeitung, 'Das Wäldchen muss weichen', 22.06.2021.
Wetterauer Zeitung – Das Wäldchen muss weichen -
Wetterauer Zeitung, 'Naturschutz fürs »Wäldchen« beantragt', 21.07.2021.
Wetterauer Zeitung – Naturschutzantrag 2021 -
Stadt Reichelsheim, 'Es zählt nur eins: Wir brauchen möglichst schnell neue
Kita-Plätze!', 16.06.2023.
Stadt Reichelsheim – Aufgabe des Standorts Wäldchen -
Stadt Reichelsheim, Niederschrift der Stadtverordnetenversammlung vom
18.07.2023. Im Antrag der Freien Wähler werden das seit 2017 bestehende
Bodengutachten und dessen spätere Zugänglichkeit für die Stadtverordneten
thematisiert.
Stadt Reichelsheim – Niederschrift 18.07.2023 -
Frankfurter Neue Presse, 'Wegen Wäldchen: Kita-Neubau verschoben', 2023.
FNP – Wegen Wäldchen: Kita-Neubau verschoben -
BUND Wetterau, Ortsverband Florstadt/Echzell/Reichelsheim/Wölfersheim,
Chronologie der Bürgerinitiative und der Untersuchungen.
BUND Wetterau – Chronik zum Reichelsheimer Wäldchen -
Frankfurter Neue Presse, 'Kita-Neubau: »Wäldchen« als Standort für die CDU
gestorben', 21.04.2023.
FNP – CDU gibt Wäldchen als Standort auf -
Stadt Reichelsheim, Niederschrift der Stadtverordnetenversammlung vom
18.07.2023.
Stadt Reichelsheim – Niederschrift 18.07.2023 -
BUND Wetterau, Rückblick auf die Aktivitäten der Bürgerinitiative.
BUND Wetterau – Rückblick auf das Wäldchen -
Stadt Reichelsheim, Sitzungsvorlage zur Kindertagesbetreuung vom Januar 2026.
Stadt Reichelsheim – Kita-Planung 2026 -
Frankfurter Neue Presse, 'Alte Schule vom Tisch: Die neue Kita entsteht an der
Willy-Nohl-Straße', 27.01.2026.
FNP – Kita-Standort 2026
In dieser Veröffentlichung findet sich die Bürgermeisterin zunächst unter dem Namen Lena Herget-Umsonst. Im weiteren Verlauf wird sie später als Lena Herget bezeichnet.
Die unterschiedlichen Namensformen sind kein redaktioneller Fehler, sondern spiegeln die jeweils zum Zeitpunkt der Veröffentlichung verwendete Namensführung wider. Bei der Recherche wurden die Namen grundsätzlich so übernommen, wie sie in der jeweiligen Originalquelle erscheinen. Daher kann es innerhalb der Dokumentation zu unterschiedlichen Namensformen derselben Person kommen.
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