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| Reichelsheim in der Wetterau |
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ICE-Brand in einem Tunnel
Wie ein Fahrgast eine Katastrophenschutzübung erlebte
Am 07.12.2001 fand auf der neuen ICE-Strecke Frankfurt-Köln im Idsteiner Tunnel eine Großübung von Feuerwehr, THW und Rettungdienst statt. Fast 300 Statisten hatten sich zur Verfügung gestellt, darunter viele Angehörige des THW aus Gießen, Darmstadt, Marburg usw. aber auch viele zivile Personen, unter anderem auch sechs Freiwillige aus der Wetterau...
Kurz vor 17 Uhr. Wir fahren auf den Hof des Idsteiner Feuerwehr Stützpunktes. Wir, das sind fünf Feuerwehrkameraden aus Reichelsheim und einer meiner Arbeitskollegen. Viele andere "Fahrgäste" sind auch schon da. Gegen 17 Uhr werden wir von der Übungsleitung begrüsst und erhalten eine erste Einweisung, wie wir uns während der Übung zu verhalten haben. Wir sollen unsere Rolle so realistisch wie möglich spielen, aber nicht übertreiben. Also ganz natürlich...
Wir gehen nun über einen kleine Strasse hoch zur ICE-Trasse. Dort steht schon ein ICE3 in Fahrtrichtung Frankfurt bereit. Nach kurzem Warten können wir in den Zug steigen, ist etwas schwierig, da der Bahnsteig fehlt, aber zusammen gehts. Unsere Sitzplätze befinden sich direkt im Triebkopf des Zuges. Einige "Fahrgäste" haben Schilder mit der Aufschrift "Schock" umgehängt bekommen. Es ist unruhig im Zug, alle sind etwas aufgeregt.
Zwei Teams vom Fernsehen filmen im Zug (ZDF und SAT1). Einen Augenblick später kommen einige Leute vom THW Marburg vorbei. Sie haben zwei Suchhunde dabei, die noch in der Ausbildung sind. Es ist für die Hunde das erste Mal, daß sie in eine solche Stress-Situation versetzt werden. Wenig später kommen dann noch die "richtig" verletzten Personen durch den Zug. Sie sind geschminkt und weisen größtenteils Brandverletzungen auf. Sie werden wohl im hinteren Teil des Zuges sitzen.
Gegen 18 Uhr werden wir nochmal durch die Übungsleitung über den weiteren Ablauf informiert. Der Zug wird gleich in den Tunnel einfahren. Wir sollen uns vorstellen, daß wir zunächst ein Vibrieren und Rattern wahrnehmen und der Zug dann zum Stehen kommt. Anschließend sollen wir den Weisungen des Zugpersonals folge leisten.
Kurz nach 18 Uhr, der Zug fährt los. Es geht ein ganzes Stück ins Tunnelinnere. Dann hält der Zug mit einem kurzen Ruck an. Zunächst kommt die Durchsage des Zugführers "Zugbegleiter mit F-Gerät in Wagen 25". Sofort fangen alle an zu rätseln was los sein könnte. Einen Augenblick später kommt die Durchsage "Wir haben ein Feuer im Zug, verlassen Sie den Zug zur Tunnelwand hin und folgen Sie dem Tunnel nach rechts, lassen sie alle Gepäckstücke zurück". Noch bevor die Durchsage beendet ist, stürzen einige Fahrgäste los. Ich stehe auf und rücke in Richtung Lautsprecher um den Rest der Durchsage zu hören, da der Lärmpegel sehr hoch geworden ist. Unsere 6-köpfige Gruppe verlässt den Triebkopf durch die vordere Tür. Mit fällt auf, daß die Schock-Patienten sitzen bleiben. Ich will sie mit nehmen, doch sie sagen mir, daß sie sitzen bleiben sollen....
Wir helfen uns gegenseitig bei Aussteigen, da der ICE in einer Linkskurve gehalten hat und somit der Abstand zum Boden noch höher geworden ist als beim Einsteigen. Zunächst stehen wir einen Augenblick unschlüssig herum, entscheiden uns aber dann dafür den Tunnel nach links (also in Fahrtrichtung) zu verlassen. Wenn wir nach rechts gehen würden, wie es der Zugführer sagte, kämen wir zwangsläufig am Feuer vorbei und würden uns unnötig in Gefahr bringen. An der Tunnelwand gibt es beleuchtete Lichtschalter, ein kurzer Tastendruck und es wurde hell im Tunnel. Nach ca. 150 Metern finden wir einen Notausgang. Wir gehen durch eine Luftschleuse mehrere Treppen hinauf und stehen plötzlich im freien. Wir befinden uns anscheinend oberhalb von Idstein an einer Landstraße, es weht ein kalter Wind und wir können auf Idstein hinunter sehen. Es ist jetzt ca. 18:30 Uhr.
Draussen stehen lediglich Beobachter bzw. Schiedsrichter der Übung. Mit dem Handy rufe ich über 112 bei der Feuerwehr an. Der Mann am anderen Ende wirkt sehr ruhig. Ich erkläre ihm, daß wir mit dem ICE von Köln in Richtung Frankfurt unterwegs waren und der Zug in einem Tunnel, vermutlich irgendwo bei Idstein stehengeblieben ist und wir den Zug wegen eines Feuers verlassen mussten. Er fragt ganz konkret nach, wo wir uns befinden, wo der Zug stehegeblieben ist, vieviele Leute im Zug waren, wieviele Waggons der Zug hat, ob es Verletzte gegeben hat usw. So gut ich es kann gebe ich ihm Auskunft. Er badankt sich und sagt mir, daß die Feuerwehr und der Rettungsdienst unterwegs wären und wir dort wo wir jetzt sind auf Hilfe warten sollen.
Noch während ich telefoniere höre ich im Hintergrund im Funkgerät eines Schiedsrichters, wie die Einheiten alarmiert werden. Zunächst trifft ein Feuerwehrbus (ELW?) und ein Löschfahrzeug ein, kurz darauf ein Krankenwagen. Dem ersten Feuerwehrmann, der versucht die Poller herauszunehmen, damit die Fahrzeuge in die Parkbucht einfahren können, sprechen wir aufgeregt an und versuchen ihm zu erklären, was da unten passiert ist. Es werden drei Feuerwehrleute abgestellt, die uns (wir waren eine Gruppe von etwa 50 Personen) zunächst beruhigen und aus der Parkbucht herausbringen, da dieser Platz jetzt für die Feuerwehr und den Rettungsdienst gebraucht wird. Es werden jetzt langsam unter den "Fahrgästen" einige Stimmen laut, die fragen, wie es denn nun weitergeht, sie hätten Termine usw. Ich merke den drei Feuerwehrleuten (darunter einer Frau) an, daß sie eigentlich überlastet sind, aber sie machen ihre Aufgabe gut. Wir stehen mittlerweile etwas abseits der Parkbucht und können das Einsatzgeschehen verfolgen. Vor uns wird die Technik der Einsatzleitung aufgebaut und langsam finden sich alle Führungskräfte dort ein. Wir werden darüber informiert, daß wir von einem Bus abgeholt werden, der uns zur Stadthalle bringt. Dort sollen wird registriert und verpflegt werden.
Nachdem mehrere Busse an uns vorbeigefahren sind, kommt um ca. 19:30 endlich "unser" Bus. Wir werden nach Idstein gefahren und irgendwo im Ort rausgelassen. Keine Stadthalle weit und breit zu sehen. Und auch niemand, der uns in Empfang nimmt. Während sich andere auf eigene Faust auf den Weg machen, rufe ich erneut über 112 bei der Feuerwehr an. Ich erkläre dem Mann am anderen Ende, daß wir mit einem Bus von der Einsatzstelle abgeholt wurden und nun mitten in Idstein irgendwo abgesetzt worden sind und wir nicht wissen wohin. Er verbindet mich weiter... Mein neuer Ansprechpartner fragt direkt wo wir sind. Ich erkläre ihm kurz was ich rund um mich so sehe. Wir sollen dort stehenbleiben, es würde jemand kommen und uns abholen. Nach noch nicht mal 10 Minuten erscheint ein Helfer vom Roten Kreuz und erklärt uns wie wir zur Stadthalle kommen. Er wird jetzt zusammen mit einer Kollegin die Leute, die von den Bussen gebracht werden zur Stadthalle bringen.
Im Eingangsbereich der Stadthalle müssen wir zunächst unsere persönlichen Daten auf eine dafür vorgesehene Begleitkarte schreiben. Den Durchschlag behält jeder, das Original verbleibt beim DRK. Ich bin jetzt unter der Nummer 2709 registriert. Der Versorgungszug des Malteser Hilfsdienst schenkt Kaffee und Tee aus. Wir bekommen jeder ein Verpflegungspaket. Darin enthalten ist ein Brötchen, 2 Würstchen, Käse, eine Mandarine, Hanuta und eine Dose Cola, sowie ein Erfrischungstuch. Einige von uns sind ganz schon durchgeforen und der heiße Tee tut wirklich gut. Wir sind so ziemlich die Ersten im Saal der Stadthalle. Nachdem wir Platz genommen haben und uns beim Essen über das Erlebte unterhalten, treffen immer mehr "Passagiere" ein...langsam füllt sich der Saal.
Nachdem wir uns gestärkt hatten und allen wieder warm war, meldeten wir uns beim DRK ab und gaben unsere Begleitkarten wieder ab. Zu Fuß gings zurück zum Feuerwehr Stützpunkt. Als wir mit unserem Bus den Stützpunkt in Richtung Heimat verlassen, ist die Übung immer noch im Gange...
Fazit
Die Fluchtwege in den Tunnel der neuen ICE-Strecke Frankfurt-Köln sind gut gekennzeichnet. Mit etwas gesundem Menschenverstand kann man sich selbst schnell aus dem Gefahrenbereich bringen. Problematisch wird das Aussteigen aus dem ICE (Höhe), aber hier muss man sich in einem solchen Fall eben gegenseitig helfen. Die eigentlichen Rettungarbeiten liefen geordnet ab (ich konnte ja nur einen Teil beobachten). Da dies aber die erste Großübung dieser Art im Idsteiner Tunnel war, werden sicherlich hier auch noch Schwachstellen von der Übungsleitung/Einsatzleitung erkannt werden. Aber das ist ja Sinn und Zweck einer solchen Übung.
Für mich selber habe ich eine sehr positive Erfahrung gesammelt. Zumindest weiss ich jetzt, wie man sich bei einem Zugunfall in einem Tunnel verhält, was bzw. welche Einheiten zum Einsatz kommen und mit welchen Problemen die Einsatzkräfte zu kämpfen haben.
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